Transparente Psychiatrie

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Der Pygmalion-Effekt in der Psychiatrie: Können Worte unsere Haltung verändern?

„Vorsicht, der ist aggressiv, manipulativ und komplett unkooperativ. Gestern hat er wieder eskaliert.“

So beginnt die Übergabe an eine Kollegin, die den Patienten noch nie gesehen hat. Sie betritt das Zimmer. Was sie sieht, sieht sie durch diese drei Worte hindurch.

Stellen wir uns dieselbe Übergabe anders vor:

„Er hatte heute ein gutes Gespräch mit einem Mitpatienten, hat sich später für seinen Wutausbruch entschuldigt und an der Gruppentherapie teilgenommen. Gestern kam es allerdings zu einer Eskalation wegen den Ausgangsregeln, da sollten wir aufmerksam bleiben.“

Dieselben Fakten, dieselbe Vorsicht, aber ein anderer Mensch betritt in der Vorstellung der Pflegefachperson das Zimmer. Genau um diesen Unterschied geht es in diesem Beitrag.

Dienstübergaben: notwendig, aber nie neutral

Dienstübergaben gehören zu den wichtigsten Elementen psychiatrischer Versorgung. Sie gewährleisten die Kontinuität der Behandlung und schaffen die Grundlage für therapeutische Entscheidungen der nachfolgenden Schicht. Im Mittelpunkt stehen dabei häufig psychopathologische Symptome, aktuelle Krisen sowie Informationen, die für die Behandlung und Sicherheit relevant sind.

Besonders in traditionell biomedizinisch geprägten psychiatrischen Kulturen dominieren dabei jedoch Beschreibungen von Defiziten, Symptomen und herausforderndem Verhalten. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass solches Verhalten selten nur aus individuellen Merkmalen entsteht. Freiheitsbeschränkende Maßnahmen, beengte räumliche Verhältnisse, fehlende Rückzugsmöglichkeiten oder ein belastender Stationsalltag prägen es mit. Das wirft eine unbequeme Frage auf. Formt eine überwiegend defizitorientierte Übergabe bereits das Bild, das sich ein Team von einem Menschen macht, noch bevor es ihn überhaupt kennengelernt hat? Diese Überlegung stellt die Bedeutung sorgfältiger Risikoeinschätzung nicht infrage. Sie lädt aber dazu ein, die eigene Kommunikationskultur zu hinterfragen. Vermitteln wir ein vollständiges Bild eines Menschen, oder vor allem seine Symptome, Krisen und Risiken? Bleiben Ressourcen, gelungene Interaktionen und die Rolle des Psychiatriesystems dabei unterbelichtet?

Der Pygmalion-Effekt: Wie Erwartung Wirklichkeit formt

Einen Ausgangspunkt für diese Frage liefert ein klassisches Experiment der Sozialpsychologie. Ende der 1960er-Jahre untersuchten Robert Rosenthal und Lenore Jacobson, wie sich die Erwartungen von Lehrpersonen auf die Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler auswirken.

Den Lehrkräften wurde gesagt, bestimmte Kinder hätten laut einem Intelligenztest ein außergewöhnliches Entwicklungspotenzial. In Wirklichkeit waren diese Kinder rein zufällig ausgewählt worden. Am Ende des Schuljahres zeigten viele von ihnen dennoch überdurchschnittliche Leistungssprünge.

Der Grund dafür lag nicht bei den Kindern, sondern bei den Lehrpersonen. Positive Erwartungen führten, unbewusst, zu mehr Aufmerksamkeit, Geduld und Ermutigung, und das beeinflusste die Entwicklung der Kinder tatsächlich. Auch wenn spätere Studien Teile des Originalexperiments methodisch kritisch beleuchtet haben, gilt der Grundgedanke bis heute als tragfähig. Erwartungen prägen zwischenmenschliche Interaktion und damit Verhalten und Entwicklung.

Eine Hypothese für die Psychiatrie

Überträgt man diesen Gedanken auf die psychiatrische Übergabe, entsteht eine ebenso einfache wie unerforschte Hypothese. Besteht eine Übergabe überwiegend aus Begriffen wie „aggressiv“, „manipulativ“, „grenzüberschreitend“ oder „unkooperativ“, könnte das die Erwartungshaltung des Teams unbewusst formen. Das wiederum könnte beeinflussen, wie offen wir einem Menschen begegnen, welche Verhaltensweisen wir besonders wahrnehmen und wie viel Geduld wir in schwierigen Momenten aufbringen.

Vorweg sei klar gesagt, dass es für diesen Zusammenhang bislang keine direkte Studie aus der psychiatrischen Versorgung gibt. Niemand hat bisher untersucht, ob die Wortwahl in Dienstübergaben tatsächlich die therapeutische Beziehung, die Deeskalation oder die Häufigkeit von Zwangsmaßnahmen beeinflusst. Was folgt, ist also eine Hypothese, keine belegte Tatsache. Sie lässt sich jedoch aus etablierter psychologischer Theorie plausibel ableiten und lohnt sich, ernsthaft durchdacht zu werden. Der Kern dieser Überlegung ist ausdrücklich nicht, Risiken zu verharmlosen oder psychopathologische Symptome auszublenden. Sicherheitsrelevante Informationen müssen klar und vollständig weitergegeben werden. Es geht vielmehr darum, das Bild eines Menschen zu vervollständigen, indem neben Risiken und Symptomen auch Ressourcen, positive Entwicklungen und gelungene Interaktionen ihren Platz in der Übergabe finden.

Die Logik dahinter folgt einer Kette. Sprache formt Wahrnehmung, Wahrnehmung formt Haltung, Haltung formt Verhalten, und Verhalten formt die Qualität therapeutischer Beziehungen. Jedes einzelne Glied dieser Kette ist gut belegt. Nur die gesamte Kette, angewendet auf die psychiatrische Übergabe, wartet noch auf wissenschaftliche Erkundung.

Was die Leitlinien bereits nahelegen

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Idee nicht. Die aktuelle S3-Leitlinie „Verhinderung von Zwang: Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen“ (DGPPN, 2026) empfiehlt die Implementierung des Safewards-Modells als evidenzbasierte Maßnahme zur Reduktion von Konflikten und Zwangsmaßnahmen. Eine der zehn Safewards-Interventionen trägt den programmatischen Titel Positive Words und empfiehlt, in jeder Übergabe bewusst auch positive Beobachtungen weiterzugeben. Herausforderndes Verhalten soll dabei selbstverständlich weiter benannt werden, zusätzlich aber auch Ressourcen, gelungene Interaktionen und persönliche Stärken. Ziel ist ein ausgewogenes Bild eines Menschen, nicht die Reduktion auf seine Krise. Genau hier schließt unsere Hypothese an. Wenn Erwartungen zwischenmenschliche Interaktion beeinflussen können, wie der Pygmalion-Effekt nahelegt, dann könnte ressourcenorientierte Sprache in der Übergabe genau der Hebel sein, den Safewards mit Positive Words bereits empirisch fundiert empfiehlt, ohne den zugrunde liegenden Wirkmechanismus explizit zu benennen.

Zurück zur Übergabe

Erinnern wir uns an die beiden Versionen vom Anfang. Wer vor dem ersten Kontakt nicht ausschließlich von Eskalation und Konflikt hört, sondern auch erfährt, dass jemand sich entschuldigt oder engagiert an einer Therapie teilgenommen hat, betritt das Zimmer wahrscheinlich mit einer anderen inneren Haltung. Ruhiger. Offener. Weniger vorbelastet.

Diese veränderte Haltung könnte sich unmittelbar auf Kommunikation und Beziehungsaufnahme auswirken. Gerade in angespannten Momenten, in denen es auf jede Nuance ankommt, könnte sie deeskalierend wirken. Ob sich dies eines Tages auch in weniger Aggressionen oder Zwangsmaßnahmen zeigt, muss zukünftige die Forschung klären. Sprache wäre dabei vermutlich nicht die alleinige Erklärung, sondern ein möglicher Baustein innerhalb eines komplexen Zusammenspiels vieler Einflussfaktoren.

Ein Spiegel auch in der Dokumentation

Dieselbe Überlegung gilt für die pflegerische Dokumentation. Wer dokumentiert, vermittelt nie nur Informationen, sondern immer auch eine Haltung gegenüber dem Menschen, über den geschrieben wird. Da Patientinnen und Patienten heute zunehmend Einblick in ihre eigene Gesundheitsdokumentation erhalten, gewinnt das zusätzlich an Gewicht. Eine Dokumentation, die neben psychopathologischen Befunden auch Ressourcen und Fortschritte sichtbar macht, entspricht dem Grundgedanken einer recovery-orientierten, personenzentrierten Versorgung und liest sich auch für die betroffene Person anders.

Sprache prägt Kultur

Dienstübergaben und Dokumentation sind mehr als Informationsweitergabe. Sie transportieren Werte und Sichtweisen innerhalb eines Teams, lenken die Aufmerksamkeit und formen das Bild, das ein Team von einem Menschen entwickelt.

Die bewusste Ergänzung positiver Beobachtungen ist deshalb mehr als eine sprachliche Feinheit. Sie kann dazu beitragen, eine ressourcenorientierte Teamkultur zu stärken, therapeutische Beziehungen zu vertiefen und Mitarbeitende daran zu erinnern, dass jeder Mensch mehr ist als seine aktuelle Krise.

Der Punkt, der zählt, auch ohne Beweis

Selbst wenn sich der Zusammenhang zwischen Sprache und Deeskalation in Zukunft nicht eindeutig belegen ließe, bliebe eine ressourcenorientierte Kommunikation wertvoll. Sie reduziert den Menschen nicht auf Symptome und Risiken, sondern macht auch seine Stärken und Fortschritte sichtbar, ein Wert, der nicht davon abhängt, ob er sich eines Tages in Studien nachweisen lässt.

Jede Übergabe prägt ein Bild vom Menschen. Welches geben wir weiter?


Literatur:

DGPPN – Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. (2026). S3-Leitlinie Verhinderung von Zwang: Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen (Langfassung, Version 3.0). https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/58bdf2a1826c1c54f9932f7ff4394bec678f2c25/038-022l_S3_Verhinderung-von-Zwang-Praevention-Therapie-aggressiven-Verhaltens_2036-06..pdf

Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the classroom: Teacher expectation and pupils‘ intellectual development. Holt, Rinehart and Winston.